Glück und Wirtschaftserfolg

Archive for Juni, 2009

Wirtschaftswachstum - oder vom Laufband der Marktwirtschaft

Kennen Sie Wahrheiten, die vielleicht keine sind? Scheinbare Selbstverständlichkeiten, von denen aber nur wenige wissen, wozu sie überhaupt gut sind?

Ich wünschte mir eine Sendung mit der Maus für Wirtschaftsthemen. „Klingt komisch, ist aber so.“

Hier ein Themen-Vorschlag: Braucht die Marktwirtschaft überhaupt Wirtschaftswachstum und wenn ja, warum und wie viel?

Auf der Podiumsdiskussion des Symposiums „Glück für Alle“ in Heidelberg (7. Mai 09) waren sich die Volkswirtschaftler einig: Ja, die Marktwirtschaft ist darauf grundsätzlich angewiesen. Wachstum sei eine fundamentale Säule des Systems. Wieder mal wurde nicht gesagt, warum. Über die Frage, „Wie viel Wachstum ist notwendig?“ schien es verschiedene Ansichten zu geben - konkret wurden die Experten hier nicht.

Gleichzeitig sind sich die Meister der Zahlen darüber einig, dass Wirtschaftswachstum in modernen Gesellschaften nicht mehr zur Steigerung von Zufriedenheit beiträgt (siehe z.B. Layard 2005, Easterlin 2006, Binswanger 2006, Diener/Biswas-Diener 2008). Und wieder: Wozu ist die Steigerung der Wirtschaftskraft dann gut?

Binswanger gibt in seinem Buch „Die Tretmühlen des Glücks“ einige Hinweise. Hier nur in Stichworten der Sachzwang des Wirtschaftswachstums:
Wachstum aus Sparvermögen wäre riskant, langsam und weniger rentabel. Daher basiert Weiterentwicklung auf der modernen Kreditgeldwirtschaft. Banken und Investoren finanzieren das System und erwarten dafür Rendite. Die Unternehmen selbst erzielen einen Teil ihrer Einnahmen durch Spekulationsgeschäfte. Bleiben das Wachstum und damit die Rendite aus, ziehen die Investoren ihre Gelder zurück; es können weder Investitionen getätigt noch Gehälter/Dienstleistungen/Materialien bezahlt werden; Unternehmen gehen in Konkurs; letztlich kollabiert das gesamte System.

Binswanger nennt Vorteile des Wirtschaftswachstums aus humanistischer Sicht:

  • Erlösung vom Nullsummenspiel. Die Reichen und die Armen müssen sich nicht in Marx’scher Manier bekämpfen, sondern können durch Wachstum alle wohlhabender werden (freilich nicht in gleichem Maße).
  • Entlastung des Generationenkonflikts. Bei einer immer älter werdenden Gesellschaft müssen durch Wachstum weder die Jüngeren immer mehr zahlen noch die Alten verarmen.

Diese Gründe sind jedoch meiner Meinung nach eher schwach, da die angesprochenen Konflikte auch anders gelöst werden können.

Zusammengefasst kommt mir die Situation folgendermaßen vor:

  • Wirtschaftswachstum erhält das System.
  • Es bringt in entwickelten Gesellschaften keinen Glücks-Zuwachs.
  • Die Arbeit für das Wachstum nimmt jedoch einen großen Teil unserer Leistungskraft und Zeit in Anspruch.

–> Das ist so, als würden wir alle auf Laufbändern stehen, vor uns das Ziel „Glück“. Wir rennen uns die Lunge aus dem Hals und kommen dem Ziel dennoch keine Schritt näher.

Der Weg aus dieser Misere ist zu komplex, um ihn in einem Blog zu erörtern. Hier nur einige Stichworte zu überzeugenden Ansätzen:

  • Veränderung der Wertekultur (hin zu Nachhaltigkeit, Verantwortung, Life-Balance),
  • Veränderung der Beurteilungskriterien für Erfolg von Unternehmen,
  • Veränderung des Bildungswesens (von Wissensvermittlung zu Fähigkeitenschulung)
  • uvm.

Pragmatisch und effizient kann man den Konflikt entschärfen durch das Trainieren von Einstellungsänderung hin zu Lebenskunst und sinnerfüllte Lebensnutzung, z.B. durch die GlücksAkademie oder die Seminarprogramme von Thomas Weinberger und mir.

Es gehört eine gute Portion Idealismus dazu, der Wirtschaftswachstums-Zange entgegen zu arbeiten. Aber es lohnt sich.

Beitrag von Dominik Dallwitz-Wegner, www.positive-intelligence.com

No comments